Das schneeweiße Hühnchen
Ernst Moritz Arndt, nacherzählt von Vera Alice Glöckner

 

In Mecklenburg-Vorpommern in Gurrewitz (eine halbe Meile von Rambin) auf der Insel Rügen lebte einmal ein gar armer Weber mit seiner Frau und seinen vielen lieben Kindern. Das jüngste und liebste Kind von allen aber war ein kleines Mädchen, das Christine hieß. Sie war ein schönes, freundliches und gehorsames Kind, und alle, die sie kannten, liebten es.

Nun geschah es, dass Christinchen eines Abends in die Stube trat und etwas in ihrem Schürzchen trug. Sie hielt das Schürzchen zu, dass niemand sehen konnte, was sie darin hatte. Mutter, Vater, Brüder und Schwestern sollten raten, was sie wohl hätte. Aber niemand kam darauf. Da öffnete es die Schürze und heraus flog ein schneeweißes Küken, ein kleines, schneeweißes Küken mit einem niedlichen bunten Büschelchen auf dem Kopfe. Nun wollten die Eltern und Geschwister wissen, woher sie das Küken habe. Und Christine antwortete: „Ich weiß nicht, wo das Küken hergekommen ist. Es kam im Garten unter dem  Birnbaum zu mir und hüpfte auf meinen Schoß und hat den ganzen Nachmittag mit mir gespielt, und als ich weggehen wollte, ist es mir nachgelaufen. Da hab‘ ich‘s in meine Schürze genommen und mitgebracht, denn es wäre ein Jammer, wenn es die Nacht draußen sitzen und frieren sollte, auch könnte ein Fuchs kommen und es auffressen. Darum habe ich das Küken mitgenommen.“

Am Tag darauf ließen die Eltern im Dorf herumfragen, wer denn ein Küken vermisse. Aber niemand hatte eines verloren. Und so durfte Christine das weiße Küken behal­ten. Sie nannte es „Schneeweißchen“. Wenn Christine nicht zu Hause war, dann lief Schneeweißchen unruhig umher und piepte und suchte nach ihr. Und so kam es, dass Christine und Schneeweißchen fortan immer unzertrennlicher waren. Der Lieblingsplatz der beiden war der alte Birnbaum, unter dem ein großer, breiter Stein lag. Auf dem Stein unter dem Birnbaum saß Christinchen häufig und las oder strickte. Schnee­weiß­chen legte sich dann unter den Stein, kratzte in der Erde und bewarf seine klei­nen Flügel  und Federn mit Staub. So waren die beiden sehr glücklich miteinander. Aber als es Herbst wurde und draußen kein Futter mehr zu finden war, da sagte die Mutter eines Tages zu Christinchen: „Es tut mir leid  Christinchen, aber wir können Schneeweißchen nicht mehr behalten. Wir haben kein Futter mehr. Bring Schnee­weiß­chen zu deiner Patin nach Rambin. Sie wird es um deinetwillen hegen und pflegen.“ Als Christinchen dies hörte, fing sie an, so bitterlich zu schluchzen und zu weinen, dass es der Mutter das Herz hätte brechen mögen und rief: „Nein, nein, Mutter, ich kann und kann das nicht tun; wenn Schneeweißchen fort muss, mag ich auch nicht länger auf der Welt bleiben. Und warum wollen wir das Hühnchen nicht behalten, das nun bald groß wird und uns gewiss viele schöne Eier legt?“ 

Das Kind weinte so sehr und bat die Mutter so flehentlich, dass diese zuletzt sagte: „Nun denn, du sollst dein Schneeweißchen behalten. Wir werden gewiss ein paar Krümchen für Schneeweißchen übrig haben.“ Trotz aller Not, die im Hause herrschte, durfte Christine jetzt das Hühnchen im Haus behalten. Eines Tages legte es sein erstes Ei und dann jeden Tag, sieben Jahre lang. Und immer ging es in den Garten und scharrte unter dem Birnbaum, wo Christine es einst gefunden hatte. 

Als Chri­stine schon über fünfzehn und das Hühnchen sieben Jahre alt war, da fing Schneeweißchen an zu piepsen, ließ die Flügel hängen und mochte nur noch ganz wenig fressen. Christinchen war sehr betrübt und streichelte und fütterte das liebe Hühnchen auf das zärtlichste und sorgsamste. Aber das half  nichts: Eines Mor­gens war Schneeweißchen tot. 

Christinchen, ihre Geschwister und Eltern waren sehr traurig und wollten es unter dem Birnbaum, den es so liebte und wo es sein Leben lang herumgescharrt hatte, begraben. Aber als die Mutter mit Christine den Boden aushob, fanden sie da ein Kästchen aus Eichenholz. Und in diesem Kästchen befand sich ein zweites, das war aus Eisen. Als der Vater es mühevoll geöffnet hatte, fanden sie tausend Golddukaten darin  Der Vater meinte, dass Schneeweißchen Christine einen Brautschatz zugewie­sen habe, aber Christine rief: „Nein, nein, das soll für uns alle sein!“

Christine pflanzte Rosen und  Veilchen auf das Grab Schneeweißchens. Bis an ihr Ende hat die Familie so in Glück und Freude gelebt. Oft gedachten sie des schneeweißen Hühnchens mit dem bunten Büschelchen auf dem Kopfe, das ihnen dieses große Glück beschert hatte.