Jaakske mit der Flöte
Flämisches Märchen aus Belgien

 

Jaakskes Mutter war früh gestorben. Der Vater war sehr lange  sehr einsam gewesen und hatte darum eine zweite Frau genommen, doch die war nicht gut zu ihm. Jeden Tag musste Jaakske mit den Kühen auf die Weide gehen und nichts bekam er zu essen, als ein hartes Stück trockenes Brot.                                                           Da begegnete ihm eines Tages auf der Weide ein armer alter Mann, der war sehr hungrig und sagte ihm, dass er schon viele Tage nichts mehr zu essen bekommen habe. „Junge“, sagte er, ich habe seit vielen Tagen nichts mehr zu essen gefunden. Ich bin so hungrig, hast du etwas zu essen für mich?“ –                                               

„Gewiss“, antwortete Jaakske, „ich werde mit dir teilen. Aber ich habe nur trockenes Brot, hart wie Knochen.“ – „Es ist gut genug“, sagte der Alte, „es wird mir wohl schmecken.“ Jaakske brach das  trockene Stückchen Brot entzwei und gab dem alten Mann davon die Hälfte.
Nach dem Essen saßen sie noch eine Weile nebeneinander. „Ich möchte dir danken und dich belohnen“, sagte der Mann. „Hier habe ich drei Dinge. Was hast du am liebsten: einen Beutel mit Silber, einen Beutel mit Gold oder eine Flöte?“ Der Junge dachte eine Weile nach und wählte dann die Flöte. „Du hast gut gewählt, mein Junge, das ist nämlich eine ganz besondere Flöte, damit wirst du dein Glück machen“, sagte er und ging fort.
Jaakske wollte wissen, was für eine besondere Flöte er geschenkt bekommen hat. Darum setzte er sie an die Lippen und blies hinein. Und siehe da! Alle seine Kühe begannen zu tanzen, Jaakske fand das gar zu lustig und lachte und lachte, er konnte fast nicht aufhören auf der Flöte zu spielen, soviel Spaß machte es ihm, die Kühe tanzen zu sehen. Schließlich aber musste er doch aufhören zu flöten und macht sich mit den Kühen auf den Heimweg.
Am Abend daheim beim Abendessen, warf ihm die Stiefmutter wieder nur eine trockene Brotkruste zum Essen hin. Da holte Jaakske seine Flöte hervor und begann darauf zu spielen, und ganz wie die Kühe auf der Weide fingen alle, die in der Küche waren, zu tanzen an. Die Knechte hoben die Beine, und die Löffel, die sie gerade im Mund hatten, klapperten gegen ihre Zähne. Die Schüsseln wippten auf dem Kaminbord, der Tisch hüpfte im Takt auf und ab, das Butterfass drehte sich im Kreis herum, und die Stiefmutter tanzte so ausgelassen, dass ihr die Schweißperlen vom Gesicht tropften.
 „Hör auf, Jaakske“, rief sie atemlos, „hör auf! Ich kann nicht mehr!“ Aber Jaakske schüttelte den Kopf. „Ich höre nur auf, wenn du mir versprichst, dass ich ab heute besseres Essen bekomme.“
„Ja, ja, das verspreche ich dir!“, rief die Stiefmutter. Da hörte Jaakske zu flöten auf.
Von nun an bekam er, wenn er mit den Kühen auf die Weide ging, immer frische belegte Brotscheiben mit.