Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern

von Christian Andersen


Es war entsetzlich kalt; es schneite und der Abend dunkelte bereits. Es war der letzte Abend im Jahr, der Silvesterabend. In dieser Kälte und in dieser  Finsternis ging auf der Straße ein kleines armes Mädchen mit bloßem Kopfe und nackten Füßen.

Es hatte wohl freilich Pantoffeln angehabt, als es von Zuhause fortging, aber was konnte das helfen! Es waren sehr große Pantoffeln, sie waren früher von seiner Mutter getragen worden, so gr0ß waren sie, und diese hatte die Kleine verloren, als sie über die Straße eilte, während zwei Wagen in rasender Eile vorüberjagten. Der eine Pantoffel war nicht mehr zu finden gewesen und mit dem anderen hatte sich ein Junge aus dem Staub gemacht. Er meinte, den großen Pantoffel könne er gut als Wiege gebrauchen, wenn er selbst einmal Kinder bekomme.

Da ging nun das kleine Mädchen auf den nackten, zierlichen Füßchen, die vor Kälte ganz rot und blau waren. In seiner alten Schürze trug es eine Menge Schwefelhölzer und einen Bund hielt es in der Hand. Während des ganzen Tages hatte ihm niemand etwas abgekauft, niemand ein Almosen gereicht.

Hungrig und frierend schleppte sich die arme Kleine weiter und war schon ganz verzagt. Die Schneeflocken fielen auf ihr langes, blondes Haar, das schön gelockt über ihren Nacken hinabfloss, aber sie dachte keinen Augenblick daran, wie hübsch das aussah.

Aus allen Fenstern strahlte heller Lichterglanz und über alle Straßen verbreitete sich der Geruch von köstlichem Gänsebraten. Es war ja Silvesterabend und dieser Gedanke erfüllte alle Sinne des kleinen Mädchens.

In einem Winkel zwischen zwei Häusern, von denen das eine etwas weiter in die Straße vorstand als das andere, kauerte es sich nieder. Seine kleinen Beinchen hatte es unter sich gezogen, aber es fror nur noch mehr und wagte es trotzdem nicht, nach Hause zu gehen, da es noch kein Schächtelchen mit den Streichhölzern verkauft und auch nicht einmal einen einzigen Heller als Almosen bekommen hatte. Es hätte gewiss vom Vater Schläge bekommen und kalt war es zu Hause ja auch. Sie hatten das bloße Dach gerade über sich und der Wind pfiff schneidend  hinein, obgleich Stroh und Lumpen in die schlimmsten Ritzen und Spalten gestopft waren.

Ach, wie gut musste ein Schwefelhölzchen tun! Wenn es es nur wagen dürfte, eins aus dem Schächtelchen herauszunehmen, es gegen die Wand zu streichen und die Finger daran zu wärmen!

Endlich zog das Kind eins heraus - ritsch! - wie es sprühte, wie es brannte! Das Schwefelholz strahlte eine warme helle Flamme aus, wie ein kleines Licht, als es das Händchen um dasselbe hielt.

Es war ein merkwürdiges Licht. Es kam dem kleinen Mädchen vor, als säße es vor einem großen eisernen Ofen mit Messingbeschlägen und Messingverzierungen. Das Feuer brannte so schön und wärmte so wohltuend! Die Kleine streckte schon die Füße aus, um auch diese zu wärmen - da erlosch die Flamme. Der Ofen verschwand - sie saß mit einem Stümpchen des abgebrannten Schwefelholzes in der Hand da.

Ein neues Streichhölzchen wurde angestrichen, es brannte, es leuchtete und an der Stelle der Mauer, auf welche der Schein fiel, wurde sie durchsichtig wie ein Schleier. Die Kleine konnte in die Stube hineinsehen, wo der Tisch mit einem blendend weißen Tischtuch und feinem Porzellan gedeckt stand und köstlich dampfte die mit Pflaumen und Äpfel gebratene Gans darauf.

Und was noch herrlicher war, die Gans sprang aus der Schüssel und watschelte mit Gabel und Messer im Rücken über den Fußboden hin: geradewegs auf die arme, hungrige Kleine zu. Da erlosch das Schwefelholz und nur die dicke kalte Mauer war zu sehen.

Sie zündete ein neues an. Da saß die Kleine unter dem herrlichsten Weihnachtsbaum. Er war noch größer und weit reicher ausgeputzt als der, den sie am Heiligabend bei dem reichen Kaufmann durch die Glastür gesehen hatte.

Tausende von Lichtern brannten auf den grünen Zweigen und bunte Bilder, wie die, welche in den Ladenfenstern ausgestellt werden, schauten auf sie hernieder. Beide Hände streckte die Kleine nach all den Herrlichkeiten aus - da erlosch das Schwefelholz.

Die vielen Christbaumlichter schwebten in die Höhe, stiegen höher und höher und sie sah jetzt erst, dass es die hellen Sterne waren. Einer von ihnen fiel herab und zog einen langen feurigen Streifen über den Himmel.

"In diesem Augenblick ist jemand gestorben", sagte die Kleine, denn die alte Großmutter, die allein auf der Welt gut zu ihr gewesen  und vor einiger Zeit gestorben war, hatte gesagt: "Wenn ein Stern fällt, steigt eine Seele zu Gott in den Himmel empor!"

Sie strich wieder ein Schwefelholz gegen die Mauer. Es warf einen weiten Lichtschein ringsumher und im Glanze desselben stand die alte Großmutter hell erleuchtet, klar und deutlich, mild und freundlich lächelnd da.

"Großmutter!", rief die Kleine laut ", nimm mich mit dir! Ich weiß, du bist verschwunden, sobald das Schwefelhölzchen erlischt, bist verschwunden wie der warme Kachelofen, der köstliche Gänsebraten und der große, herrliche Weihnachtsbaum!"

Hastig strich sie den ganzen Rest der Schwefelhölzer an, die sich noch im Schächtelchen befanden - sie wollte die Großmutter festhalten - und die Schwefelhölzer verbreiteten einen solchen Glanz, dass es heller war als am lichten Tag.

Niemals war die Großmutter so schön und so groß gewesen! Sie nahm das kleine Mädchen auf ihre Arme und sie schwebten in Glanz und Freude zusammen hoch empor - hoch und immer höher. Das kleine Mädchen verspürte keine Kälte mehr, Hunger und Angst wichen von ihm - es war bei Gott.

Aber im Winkel zwischen den beiden Häusern saß in der kalten Morgenstunde das kleine Mädchen mit roten Wangen und einem seligen Lächeln auf den Lippen - tot, erfroren am letzten Tag des alten Jahres.

Der Morgen des neuen Jahres ging auf über der kleinen Leiche, die da saß mit Schwefelhölzern in der Schürze, wovon fast ein Schächtelchen verbrannt war.


"Sie hat sich wärmen wollen!", sagten die Leute. Niemand wusste, was sie Schönes gesehen hatte und in welchem hellen Glanze sie mit der alten Großmutter zur Neujahrsfreude bei Gott eingegangen war.