Der Bettler und die reiche Bäuerin

aus "Die schönsten Märchen der Welt für 365 und einen Tag

Gesammelt und herausgegeben von Lisa Tetzner

Es kam einmal ein Bettler auf einen Bauernhof und bat um ein Nachtlager. Die Bäuerin aber jagte den Bettler kreischend und schimpfend davon. Der Bettler machte, dass er fortkam, denn die Bäuerin drohte, die Hunde auf ihn zu hetzen.

Der Bettler ging zu einer armseligen Hütte und bat dort um ein Nachtlager. Die Frau sprach: "Wohin wirst du Armer gehn! Komm nur herein! Ich habe freilich selbst nur wenig Brot, aber einem Armen muss man immer etwas abgeben!"

Als der Bettler in die Stube kam und die Kinder der armen Bäuerin sah, da fragte er: "Warum haben deine Kinder so schrecklich schmutzige Hemden an?"

Die Bäuerin antwortete: "Ich bin eine arme Witwe und habe fünf Kinder zu ernähren. So viel Geld hab ich nicht, dass ich jedem zwei Hemden anschaffen könnte!"

Darauf erwiderte der Bettler nichts. Als die Abendmahlzeit kam, wurde er zum Essen gerufen. Er sagte aber, er sei krank, und kam nicht. Am Morgen legte der Bettler das Brot aus einem eigenen Sack auf den Tisch und sprach: "Was du zu tun anfängst, das tu bis zum Abend!"

Das arme Weib begriff die Worte des Bettlers nicht. Sie hatte etwas Leinwand und dachte: "Vielleicht reicht es doch wenigstens zu einem Hemd. Wenn schon der Bettler sagt, dass meine Kinder zu zerlumpt sind, was mögen da erst die andern Leute sagen!"

Sie ging ins Dorf um ein Ellenmaß zu suchen, um damit die Leinwand zu messen, und sie bekam das Ellenmaß.

Als sie nach Hause kam, ging sie sogleich zur Vorratskammer. Aber wie erschrak sie, als sie die Tür nicht aufmachen konnte! Schließlich sprengte sie die Tür mit einer Stange auf.

Was sah sie da! Die Kammer war voll von Leinwandrollen.

Da begann die Frau sogleich die Leinwand zu messen. Am Abend, als die Sonne unterging, war sie mit dem Messen des letzten Stückes fertig. Nun erst begriff sie die Worte des Bettlers. In der Eile des Messens hatte sie nicht einmal Zeit gehabt, nachzudenken, woher all dieLeinwand plötzlich in ihre Vorratskammer gekommen sei.

Am Abend, als sie das Ellenmaß zurückbrachte, erzählte sie der reichen Bäuerin, wie sie auf das Wort des Bettlers hin unendlich viel Leinwand bekommen habe.

Als die reiche Bäuerin das hörte, sprach sie zum Knecht: "Spann rasch das Pferd an und hol den Bettler! Den Armen muss man immer helfen."

Der Knecht musste fahren.

Als er am nächsten Tage den Bettler auffand, wollte dieser zuerst nicht kommen. Als der Bettler aber hörte, dass der Knecht den strengen Befehl habe, ohne ihn nicht zuückzukehren, setzte er sich in den Wagen und fuhr mit.

Die Bäuerin nahm den Bettler diesmal mit der größten Freundlichkeit auf. Sie überließ dem Bettler sogar ihr eigenes Lager und gab ihm zu essen und zu trinken soviel er nur wollte. Nun hatte der Bettler ein goldenes Leben. Er aß, trank und schlief, soviel er nur konnte. Ans Fortgehen dachte er überhaupt nicht mehr.

Die Geduld der Bäuerin fing schon an, zu Ende zu gehn. Fortjagen konnte sie den Bettler freilich nicht, denn dann wäre ja alles umsonst gewesen.

Zur Freude der Bäuerin machte sich der Bettler eines Morgens  auf den Weg. Die Bäuerin begleitete ihn hinaus. Als der Bettler schon zum Tore hinausgehen wollte, fragte ihn die Bäuerin: "Was werde ich heute tun?" Der Bettler antwortete: "Was du auch tust, das tu bis zum Abend!"

Die Bäuerin ging in die Stube, um das Ellenmaß zu holen und sich ans Leinwandmessen zu machen. Plötzlich wurde es ihr aber übel, und sie begann, ihren Magen zu erleichtern. Damit musste sie sich nun bis zum Abend beschäftigen. Erst nach Sonnenuntergang kam sie in die Stube zurück.

Sie hatte den Bettler mehrere Tage gefüttert - und gar nichts dafür bekommen! Die Habsucht hatte sich selbst gestraft.

Wir erstellen gerade Inhalte für diese Seite. Um unseren eigenen hohen Qualitätsansprüchen gerecht zu werden benötigen wir hierfür noch etwas Zeit.

Bitte besuchen Sie diese Seite bald wieder. Vielen Dank für ihr Interesse!