Des Kaisers neue Kleider

von Christian Andersen


Vor vielen Jahren lebte einmal ein Kaiser. Er liebte schöne Kleider so sehr, dass er sein ganzes Geld dafür ausgab, recht geputzt zu sein. Er interessierte sich nicht für seine Soldaten oder für das Theater und machte sich nichts daraus, in den Wald zu fahren. Es sei denn, er konnte dabei seine Kleider zeigen. Für jede Stunde des Tages hatte er ein anderes Gewand. Wenn man sonst von einem König sagte, er sei in der Ratsversammlung, so hieß es von ihm stets: "Der Kaiser ist in der Garderobe!"

In der großen Stadt, in der er wohnte, ging es sehr munter zu. Tag für Tag kamen viele Fremde an. Eines Tages waren auch zwei Spitzbuben darunter. Sie gaben sich als Weber aus und behaupteten, die herrlichsten Stoffe zu weben, die man sich vorstellen könne. Nicht nur die Farben und Muster seien außergewöhnlich schön. Nein, die Kleider, die aus ihren Stoffen genäht würden, hätten auch noch eine ganz besondere Eigenschaft: sie seien für alle Menschen unsichtbar, die für ihr Amt nicht taugen oder unverzeihlich dumm sind.

"Das wären ja prächtige Kleider", dachte der Kaiser. "Wenn ich die trage, komme ich ganz genau dahinter, wer in meinem Reich für sein Amt nicht taugt. Ich könnte die Klugen von den Dummen unterscheiden. Ja, dieser Stoff muss sofort für mich gewebt werden!"

Er gab den beiden Betrügern einen großen Vorschuss für ihre Arbeit, damit sie beginnen konnten.

Sie stellten auch gleich zwei Webstühle auf und taten, als ob sie arbeiteten. Aber sie hatten nicht einen Faden auf dem Stuhl. Frech wie sie waren, verlangten sie trotzdem die feinsten und prächtigsten Seiden- und Goldfäden. Als sie sie erhielten steckten sie sie in die eigene Tasche. Bis spät in die Nacht hinein arbeiteten sie an den leeren Webstühlen.

"Nun möchte ich aber gern wissen, wie weit sie mit dem Stoff sind!" dachte der Kaiser. Ihm war nicht ganz wohl ums Herz bei dem Gedanken, dass jemand, der dumm oder für sein Amt nicht geeignet war, den Stoff nicht sehen konnte.

Nun, er glaubte nicht daran, selbst etwas befürchten zu müssen. Aber er wollte doch erst jemanden schicken, der nachschauen sollte, wie es um die Arbeit stand. Alle Menschen in der Stadt wussten, welche seltsamen Eigenschaften der Stoff haben sollte. Sie waren nun begierig zu sehen, wie schlecht oder dumm ihr Nachbar sei.

Ich werde meinen alten, ehrlichen Minister zu den Webern schicken", dachte der Kaiser. "Er kann am besten beurteilen, wie der Stoff wirkt, denn er hat Verstand. Niemand versteht sein Amt besser als er!"

Also ging der alte, geachtete Minister in den Saal, in dem die beiden Betrüger an den leeren Webstühlen arbeiteten. "Gott bewahre!" dachte der alte Minister und riss die Augen auf. "Ich kann ja gar nichts sehen!" Aber das sagte er natürlich nicht laut. Die beiden Betrüger forderten ihn auf näherzutreten. "Ist das nicht ein herrliches Muster? Und die Farben, sind sie nicht wunderschön?" fragten sie. Mit diesen Worten deuteten sie auf den leeren Webstuhl. Der arme, alte Minister riss die Augen noch weiter auf. Aber er konnte nichts sehen, es war ja nichts da.

"Lieber Himmel!" dachte er. "Bin ich etwa dumm? Das hätte ich nie geglaubt. Niemand darf davon erfahren. Sollte ich für mein Amt nicht taugen? Nein, ich darf keinem erzählen, dass ich den Stoff nicht sehen kann!"

"Nun, Sie sagen ja gar nichts dazu?" bemerkte einer der Betrüger, indem er weiterwebte. "Oh, er ist hübsch, ganz allerliebst!" rief der Minister aus und sah durch seine Brille. "Dieses Muster! Und diese Farben! - Ja ich werde dem Kaiser sagen, dass der Stoff mir sehr gut gefällt! Wirklich schön!" "Nun, das freut uns!" sagten die beiden Weber. Und dann fingen sie an, die Farben mit Namen zu nennen und das seltsame Muster zu erklären. Der alte Minister hörte aufmerksam zu, um dem Kaiser alles beschreiben zu können, wenn er zu ihm zurückkehrte. Und das tat er auch.

Die Betrüger verlangten noch mehr Geld, mehr Seide und mehr Gold, weil sie es angeblich zum Weben brauchten. Sie steckten alles in ihre eigenen Taschen. Auf den Webstuhl kam nicht ein Fädchen. Und sie arbeiteten weiter an dem leeren Webstuhl.

Bald darauf schickte der Kaiser einen anderen alten und ehrwürdigen Beamten los. Dieser sollte schauen, wie es mit dem Weben stehe und ob der Stoff nicht bald fertig sei. Diesem ehrwürdigen Beamten erging es ebenso wie dem alten Minister. Er guckte und schaute, aber weil da nichts war, konnte er auch nichts sehen.

"Nun, ist das nicht ein wunderschönes Stück Stoff?" fragten die beiden Betrüger. Dabei zeigten und erklärten sie das herrliche Muster, das gar nicht da war.

"Dumm bin ich gewiss nicht!° dachte der Mann. "Ist es das gute Amt, für das ich nicht tauge? Das ist ja sonderbar! Ich darf es mir nur nicht anmerken lassen!" Daher lobte er den Stoff,  den er nicht sah, und versicherte den beiden seine Freude über die schönen Farben und das herrliche Muster.

"Ja, der Stoff ist ganz allerliebst!", sagte er zum Kaiser.

Alle Menschen in der Stadt sprachen nur noch von dem herrlichen Stoff.

Nun wollte der Kaiser den Stoff selbst sehen, während er noch auf dem Webstuhl war. Mit einer großen Schar vornehmer Herren, unter ihnen auch der alte Minister und der ehrwürdige Beamte, ging er zu den beiden listigen Betrügern. Diese webten voller Hingabe, aber ohne Faser oder Faden.

"Ist der Stoff nicht prächtig?" fragten die beiden geachteten Beamten, die schon vorher dort gewesen waren. "Wollen Eure Majestät einmal herschauen? Diese Farben! Und dieses Muster!" Und sie zeigten auf den leeren Webstuhl, weil sie glaubten, die anderen würden den  Stoff bestimmt sehen.

"Was ist das denn?" dachte der Kaiser. Ich sehe überhaupt nichts! Das ist ja fürchterlich! Bin ich dumm? Tauge ich nicht dazu, Kaiser zu sein? Das wäre das Schrecklichste, was mir jemals passiert ist!"

"Oh, der Stoff ist sehr schön", sagte der Kaiser laut. "Er findet meinen allerhöchsten Beifall." Voller Befriedigung nickte er, als er den Webstuhl betrachtete. Er wollte nicht zugeben, dass er nichts sah. All die wichtigen Leute, die er bei sich hatte, schauten und schauten. Aber sie bekamen nicht mehr dabei heraus als all die anderen. Doch wie der Kaiser riefen sie aus: "Der Stoff ist sehr schön!" Und sie rieten dem Kaiser, bei dem bevorstehenden Festzug zum ersten Mal Kleider aus diesem prächtigen Stoff zu tragen.

"Er ist herrlich! Prächtig! Ausgezeichnet!" ging es von Mund zu Mund. Alle waren aufs höchste befriedigt. Der Kaiser verlieh den beiden Betrügern je einen Ritterorden und ernannte sie zu "Kaiserlichen Hofwebern".

In der Nacht vor dem Morgen, an dem der Festzug stattfinden sollte, blieben die Betrüger wach. Über sechzehn Kerzen hatten sie angezündet. Die Bevölkerung der Stadt sah, dass sie sich bemühten, des Kaisers neue Kleider fertigzustellen. Die Betrüger taten, als nähmen sie den Stoff von dem Webstuhl. Dann schnitten sie mit großen Scheren in der Luft herum und nähten mit Nadeln ohne Faden. Zuletzt sagten sie: "So, nun sind die Kleider fertig!"

Der Kaiser selbst kam mit seinem Hofstaat in den Websaal. Die beiden Betrüger streckten einen Arm in die Höhe, als ob sie etwas halten würden, und sagten: "Seht, hier sind die Beinkleider! Hier ist der Rock! Hier ist der Mantel!" Dann fuhren sie fort: "Die Kleider sind so leicht wie Spinnwebe. Man sollte meinen, man hätte nichts auf dem Leibe. Gerade das ist aber der Vorzug dabei!"

"Ja, natürlich!" sagten die Beamten des Hofstaates. Dabewi konnten sie nichts sehen, denn es war ja gar nichts da.

"Belieben Eure Kaiserliche Majestät jetzt Ihre Kleider abzulegen?" fragten die beiden Männer. "Dann werden wir Euch die neuen hier vor dem großen Spiegel anziehen."

Der Kaiser legte all seine Kleider ab, und die Betrüger taten so, als ob sie ihm ein Stück nach dem anderen von den neuen Kleidern anziehen würden. Schließlich fassten sie ihn um die Taille und banden scheinbar etwas fest. Das sollte die Schleppe sein. Der Kaiser drehte und wendete sich vor dem Spiegel.

"Meine Güte, wie kleidsam sie sind! Wie gut sie sitzen!" riefen alle zusammen. "Was für ein Muster! Was für Farben! Das ist ein kostbares Gewand!"

"Draußen warten sie mit dem Thronhimmel, der über Eurer Majestät getragen werden soll!" meldete der Oberzeremonienmeister.

"Gut. Ich bin fertig", sagte der Kaiser. "Sitzt es nicht gut?" Und dann drehte er sich noch einmal vor dem Spiegel herum. Es sollte ja so aussehen, als betrachte er sein neues Gewand.

Die Kammerherren, die die Schleppe tragen sollten, tasteten mit ihrnen Händen über den Fußboden, als ob sie die Schleppe aufheben wollten. Dann schritten sie feierlich dahin und hielten die Luft fest. Sie wagten nicht, sich anmerken zu lassen, dass sie nichts sehen konnten.

Und so ging der Kaiser unter dem Thronhimmel in dem Festzug. Alle Menschen auf den Straßen und an den Fenstern riefen aus? "Wie unvergleichlich des Kaisers neue Kleider doch sind! Welch herrliche Schleppe er trägt!Wie gut die neuen Kleider sitzen!" Keiner wollte sich anmerken lassen, dass er nichts sah. Denn das hätte geheißen, dass er dumm war und für sein Amt nicht taugte. Nie zuvor hatte ein neues Gewand des Kaisers solchen Beifall gefunden.

"Aber er hat ja gar nichts an!" rief plötzlich ein kleines Kind. "Hört die Stimme eines unschuldigen Kindes!" sagte der Vater. Und einer flüsterte dem anderen zu, was das Kind gesagt hatte.

"Er hat gar nichts an!" rief zuletzt das ganze Volk. "Ein Kind sagt, dass er gar nichts anhat."

Der Kaiser wurde ganz aufgeregt, denn auch ihm schien das Volk recht zu haben. Aber er dachte: "Den Festzug muss ich noch beenden." Und so hielt er sich noch stolzer aufrecht. Die Kammerherren schritten hinter ihm und trugen die Schleppe, die nicht da war.