Das Märchen vom Schäferhund Strom

Hessisches Märchen erzählt von Klaus Heinrich Möller und seiner Tochter Marie Elisabeth Schmidt, aufgezeichnet von  Johannes Schütz 1941

In Allendorf lebte einmal ein Schäfer, der einen Hund hatte, welcher Strom hieß. Dieser redete wie ein Mensch, war so klug wie ein Mensch und konnte deshalb auch die Schafe allein hüten.

Als er eines Tages wieder mit seinen Schafen von der Struth durch die Krummbachshohl bis vor den Wolfshain gezogen war, kam ein Wolf zum Strom, der vor dem Wald saß und den weidenden Schafen zusah. Der Wolf forderte: "Bruder Hund, gib mir eins von deinen Schafen!" Der Schäferhund entgegnete: "Das darf ich nicht." Der Wolf klagte gar sehr über seinen Hunger und bat schließlich: "Na, wenn du mir auch kein Schaf geben darfst, so gib mir wenigstens einen Hammel." Strom ließ sich überreden und schenkte dem Wolf einen Hammel.

Am Abend zählte der Schäfer seine Herde und stellte fest, dass ein Schaf fehlte. Er fragte Strom, und dieser gestand auch seine Tat, versuchte sich aber damit herauszureden, dass er nur den Auftrag bekommen habe, die Schafe zu hüten, nicht aber die Hammel.

Am folgenden Tage musste Strom zur Strafe dafür, dass er dem Wolf einen Hammel gegeben hatte, die Schafe nochmals ganz allein hüten. Kaum war er wieder vor dem Wald mit seinen Schafen angelangt, da erschien auch der Wolf, schmeichelte ihm und forderte wieder ein Schaf. Da erklärte Strom, dass er kein Schaf abgeben dürfe. Als es der Wolf wieder mit einem Hammel versuchen wollte, bekam er auch diesen abgeschlagen. Nun wandte er alle Überredungskünste an und bat um einen Bock. Der Schäfer hatte nicht besonders betont, dass Strom die Böcke hüten sollte, - er hatte ja nur den Auftrag gegeben, die Schafe und auch die Hammel zu hüten. So war Strom dem Wolf abermals zu Willen.

Am Abend merkte der Schäfer, dass ihm ein Bock fehlte, und Strom versuchte, sich wieder herauszureden. Er bekam mit der Hundekette seine Tracht Prügel, und sein Herr ermahnte ihn aufs Neue.

Am dritten Tag erlistete sich der Wolf ein Lamm. Strom wurde härter bestraft und nahm sich endlich vor, von nun an den Wolf abzuweisen.

Am anderen Tag erklärte er dem Heuchler, dass er seinetwegen jeden Tag Prügel bekäme, und dass er auf kein Schaf, keinen Hammel, keinen Bock und kein Lamm mehr verzichten wolle. Darauf erklärte der Wolf dem guten Strom den Krieg. Jeder beschloss seine Freunde herbeizurufen, und in acht Tagen sollte es losgehen. Als Kampfplatz bestimmte man das Loh, ein düsteres, waldiges Tal. Auf beiden Seiten wurde nun tüchtig Kriegsvolk angeworben. Der Wolf holte sich die Rehe, Hirsche, Bären und Wildsauen, kurz alle freien Tiere des Waldes. Der Hund holte seine Freunde zusammen, aber nicht nur die Hunde von Allendorf, sondern auch die von den Nachbardörfern. Selbst die Katzen vergaßen, dass sie eigentlich von altersher mit den Hunden böse sind und stellten sich alle auf Stroms Seite. Nach acht Tagen waren die Kriegsvorbereitungen beendet. Vor dem Loh auf der Anhöhe, die man von der Dorfstraße aus sehr gut sehen kann, hatte der Wolf seine Vorposten aufgestellt. Als Beobachter saß der Bär auf einem Baum. Das Heer des Wolfes war in großer Spannung. Schon lange wartete man, aber noch immer nicht sah man den Feind vom Dorf her kommen.

Da, auf einmal meldete der Bär einen langen Zug der Feinde, der sich auf der Dorfstraße daher bewege. Man müsse mit einem heißen Kampf rechnen, denn die Feinde seien vorzüglich ausgerüstet, namentlich mit langen Stangen. Das aber waren die Schwänze, die die Katzen so steil in die Höhe streckten. Anscheinend sammele man auf dem Marsche noch Steine. Mehrere hinkende Hunde beschlossen nämlich den Zug und erregten durch ihren Gang den Anschein, als würden sie Steine auflesen. Nach geraumer Zeit war Strom mit seinen Kriegern vor dem Walde angekommen.

Die wilde Sau hatte sich vor Angst unter das Laub verkrochen, nur ihr Schwänzchen war eben noch zu sehen. Die erste Katze, die als Kundschafter das feindliche Gebiet betrat, glaubte, eine Maus sitze im Laub, sprang darauf los und biss fest zu. Nun raste das Wildschwein los, das den Hauptteil des Kampfes auf sich nehmen sollte, und brachte alle auf der Seite des Wolfes in große Verwirrung.

Die Katze, auch etwas erschreckt, kletterte auf den nächsten Baum. Zufällig war das der Baum, auf dem der Bär als Beobachter saß. Da dieser den Baum wohl hinauf-, aber nicht herunterklettern konnte, packte er vor Schreck den Kopf zwischen die Beine und ließ sich einfach auf die Erde fallen. Unglücklicherweise stand unter diesem Baum ein lahmer Hund, auf den der Bär gerade purzelte. Der Hund fing kräftig an zu heulen. Da wurde es den Kriegern des Wolfes, die sich bisher am Abhang verborgen hielten, angst und bange, denn sie verstanden aus dem Heulen des Hundes die Worte: "Haalt se, haalt se."

Der Wolf mit seiner Schar ergriff die Flucht. Die einen verkrochen sich in Fuchs- und Dachshöhlen, die anderen rannten, was sie nur rennen konnten. So kam es, dass Strom den Krieg gewann, der Wolf die Macht verlor und sich fortan nicht mehr unterstanden hat, auch nur ein Schaf zu fordern.