Südlicher als Süden - Nördlicher als Norden

veröffentlicht von Lisa Tetzner

Es war einmal ein armer Holzhauer, der hatte viele Kinder, die er nur notdürftig ernähren und ganz ärmlich kleiden konnte. Schön waren sie alle, aber am schönsten von ihnen war doch die jüngste Tochter. Sie war ganz über alle Maßen schön.

Einmal, im Spätherbst, war ein fürchterliches Wetter draußen. Es war stockfinster und schneite und stürmte, dass das Haus in allen Fugen krachte. Die ganze Familie saß um den Herd, und jeder hatte irgendeine Arbeit vor sich. Da klopfte es plötzlich drei Mal laut an an die Fensterscheibe. Der Mann ging hinaus, um zu sehen, was es gäbe, und als er hinauskam, stand da ein großer, weißer Bär.

"Guten Abend", sagte der Bär. "Guten Abend", sagte auch der Mann. "Willst du mir deine jüngste Tochter zur Frau geben, dann mache ich dich ebenso reich, wie du jetzt arm bist", sagte der Bär.

Dem Mann gefiel es nicht übel, dass er so reich werden sollte, aber er meinte doch, er müsse erst vorher mit seiner Tochter sprechen. Er ging also wieder hinein und sagte, es sei ein Bär draußen, der habe versprochen, ihn ebenso reich zu machen, wie er jetzt arm sei, wenn er nur die jüngste Tochter zur Frau bekomme. Das Mädchen aber sagte nein und wollte nichts davon wissen.

Der Mann ging wieder zu dem Bären hinaus, und die beiden kamen überein, dass der Bär sich in drei Tagen Bescheid holen sollte. In der Zeit bearbeiteten die Eltern ihre Tochter und schwatzten ihr von all dem Reichtum vor, zu dem sie gelangen sollten, und wie gut es ihr selbst gehen würde. Da willigte sie schließlich ein.

Sie wusch und flickte ihre paar ärmlichen Kleider, schmückte sich, so gut sie konnte, und hielt sich reisefertig. Und was sie sonst noch mitbekam, war nicht der Rede wert.

Nach drei Tagen kam der Bär die Braut holen. Das Mädchen setzte sich mit seinem Bündel auf den Rücken des Bären, und dann trabte dieser davon. Nachdem sie eine gute Strecke zurückgelegt hatten, fragte der Bär: "Hast du Angst?" "Nein, durchaus nicht", antwortete sie. "Halte dich nur gut an meinem Fell fest, dann hat es keine Not", sagte der Bär. Nun ritt sie auf des Bären Rücken weit, weit fort, bis sie schließlich an einen großen Felsen kamen. Da klopfte der Bär an, und gleich ging eine Tür auf, durch die sie in ein großes Schloss hineingelangten, mit vielen hell erleuchteten Zimmern, wo alles von Gold und Silber glänzte. Dann kamen sie in einen großen Saal; hier stand ein Tisch, der mit den herrlichsten Gerichten über und über bedeckt war. Der Bär gab dem Mädchen eine silberne Glocke und sagte: "Wenn du irgendetwas willst, brauchst du nur mit der Glocke zu läuten, dann wirst du es sogleich bekommen. Ich habe nur eine einzige Bitte an dich, und die sollst du mir nicht abschlagen." "Was ist das für eine Bitte?" fragte das Mädchen. "Du musst mir versprechen, dass du mich niemals anschaust, wenn ich schlafe, sonst sollst du in allem tun dürfen, was du willst." Diese Bitte wollte das Mädchen ihm gern erfüllen.

Als nun der Abend kam und sie sich schlafen legte, kroch der Bär zu ihr, und sie merkte, dass er jetzt gar kein Bär mehr war, sondern ein Mensch. Doch sie sagte nichts, weil sie an ihr Versprechen dachte und nichts gegen den Willen ihres Mannes tun wollte. Sie konnte ihn auch nicht sehen, denn es war kein Licht da, und als es hell wurde, war der Bär bereits wieder verschwunden.

So verging einige Zeit. Sie wohnte in dem schönen Schloss und wenn sie läutete, bekam sie alles, was sie nur irgend wünschte. Aber Tag für Tag lief ihr der Bär davon und ließ sich nicht eher sehen, als bis es Abend ward und die Sonne unterging. Dann kam er heim und war so lieb und freundlich, wie nur ein Mann zu seiner Frau sein kann, so dass sie ihn richtig liebgewann und ganz vergaß, dass er ein rechter Bär war.

Doch weil sie den ganzen Tag so allein war, überkam sie ein großes Heimweh, und als sie der Bär fragte, warum sie so betrübt sei, erzählte sie ihm, sie wolle so schrecklich gern ihre Eltern und ihre Geschwister wiedersehen. "Das kann geschehen", sagte der Bär.

"Du musst mir nur versprechen, dass du mit deiner Mutter nie alleine redest, sondern nur, wenn andere zugegen sind. Sie wird dich wahrscheinlich bei der Hand nehmen und mit dir allein in einer Kammer sprechen wollen. Gerade das darfst du nicht zulassen, sonst machst du uns beide unglücklich."

Am nächsten Tag nahm sie der Bär auf den Rücken und machte sich mit ihr auf den Weg. Nachdem sie eine große Strecke zurückgelegt hatten, kamen sie an ein großes schönes Haus, vor dem ihr Geschwister spielten, und alles war sehr reich und prächtig, dass es eine wahre Freude war, es nur anzusehen.

"Hier wohnen deine Eltern", sagte der Bär. "Vergiss es aber nicht, was ich dir gesagt habe, sonst machst du dich und mich unglücklich." "Gott bewahre, ich werde es sicher nicht vergessen", sagte das Mädchen, und als sie vor dem Haus angekommen waren, stieg sie ab, und der Bär kehrte wieder um.

Als die Tochter bei den Eltern ankam, freuten sie sich über alles. Sie sagten, sie könnten ihr nicht genug danken dafür, was sie für sie getan habe. Jetzt ginge es ihnen allen miteinander ausgezeichnet. Dann fragten sie, wie es ihr selbst gehe. Das Mädchen sagte, es ginge ihr selbst auch recht gut, und sie habe alles, was sie sich nur wünschen könnte. Ich weiß nicht recht, was sie ihnen noch alles erzählte, aber ich glaube nicht, dass sie alles genau mitteilte.

Doch am Nachmittag, als die Familie zu Mittag gegessen hatte, ging es genauso, wie der Bär vorausgesagt hatte: Die Mutter wollte ihre Tochter durchaus in der kleinen Kammer allein sprechen. Aber sie dachte daran, was der weiße Bär gesagt hatte, und wollte nicht mit der Mutter gehen, sondern sagte: "Was wir miteinander zu besprechen haben, können wir ebensogut hier sagen." Jedoch - sie wusste später selbst nicht mehr, wie es kam - schließlich überredete die Mutter sie doch, und so erzählte sie denn, wie sich Nacht für Nacht der Bär zu ihr lege und im Dunkeln ein rechter, lieber, guter Mensch sei. Aber sie den Menschen noch nie gesehen, denn er bleibe nur bei ihr, solange es dunkel sei. Darüber gräme sie sich. Sie hätte ihn schrecklich gern einmal gesehen.

"Nun, nichts leichter als das", sagte die Mutter. "Hier hast du eine kleine Kerze, verstecke sie unter deinem Brusttuch und nachts, wenn der Bär schläft, musst du sie anzünden, dann siehst du ihn in seiner wirklichen Gestalt. Nimm dich aber ja in acht, dass kein Tropfen Talg auf ihn fällt." Die Tochter nahm das Licht und verbarg es unter ihrem Brusttuch.

Am Abend kam der Bär, sie zu holen. Als sie eine Strecke zurückgelegt hatten, fragte der Bär, ob es nicht genauso gegangen sei, wie er ihr vorausgesagt habe. Doch, es sei so gegangen, das Mädchen konnte es nicht leugnen.

"Hast du auf den Rat deiner Mutter gehört und tust, wie sie sagt, dann ist es aus zwischen uns, und du machst dich und mich unglücklich."

"Nein", erwiderte das Mädchen, "das werde ich gewiss nicht tun."

Als sie zu Hause anlangten, ging es genau wie sonst auch. Nachdem es dunkel geworden war, kam der Bär in ihr Schlafzimmer, und legte sich neben sie ins Bett, aber kaum lag er neben ihr, war er ein Mensch geworden.

In der Nacht, als sie merkte, dass der Mensch fest schlief, konnte sie nicht widerstehen. Sie stand auf, zündete die Kerze an und beleuchtete ihn. Da sah sie den schönsten Jüngling, den sie je gesehen hatte. Er gefiel ihr so über alle Maßen, dass sie meinte, nicht länger leben zu können, wenn sie ihn nicht augenblicklich küssen dürfe. Sie tat es, aber dabei ließ sie drei heiße Talgtropfen auf sein Hemd fallen, und er erwachte.

"Ach, was hast du getan!" rief er. "Nun hast du uns beide ungücklich gemacht! Hättest du nur dies eine Jahr ausgehalten, so wäre ich für immer erlöst worden. Ich habe eine Stiefmutter, die mich verzauberte, bei Tag ein Bär und nur bei Nacht ein Mensch zu sein. Aber jetzt ist es aus zwischen uns beiden, und ich muss zu ihr zurück. Sie wohnt auf ihrem Schloss südlicher als Süden und nördlicher als Norden. Und dort muss ich die Riesin mit der vier Ellen langen Nase heiraten."

Das Mädchen weinte und jammerte, aber es half nichts. Er sagte, er müsse abreisen. Da fragte sie ihn, ob sie ihn nicht begleiten dürfe. Sie liebe ihn jetzt so sehr, dass sie auch in seinem Elend bei ihm bleiben wolle. "Nein", sagte er, "das geht nicht an."

"Aber kannst du mir denn nicht wenigstens den Weg sagen, damit ich dich suchen kann?" "Ja, das darfst du wohl", sagte er. "Aber du findest mich nimmer, denn das Schloss liegt südlicher als Süden und nördlicher als Norden. Nein, du bringst es nie im Leben fertig, denn wenn du dich ausruhst oder auch nur die Beine biegst zum Sitzen, so kommst du im gleichen Augenblick soweit zurück, als du an einem Tag vorwärts gekommen bist, und du musst viele Paar Schuhe dabei zerreißen."

Als er das gesagt hatte, wurde er ein Bär und lief in den Wald hinaus.

Nun jammerte und weinte das Mädchen. Sie wurde elend und unruhig und mochte nicht länger allein in dem Schloss bleiben, sondern machte sich auf den Weg, den Bären zu suchen. Aus dem Schloss aber nahm sie in der Eile nichts weiter mit als einen Ballen Drillich, einen Ballen Zwillich und einen Ballen Leinen. Wer weiß, dachte sie, wozu die mir noch nützen, denn ich werde ja viele Kleider und Schuhe auf dem Weg zerreißen müssen.

Sie wanderte lang und immer länger, bis ihre Füße wund wurden, und der Mut sank. Am Abend schlief sie im dichten, dunklen Wald und kletterte auf einen hohen Baum. Damit sie nur ja nicht in Versuchung kam, die Beine zu biegen oder sich zu setzen, blieb sie die ganze Nacht im Geäst stehen. Und in der Nacht wurde es lebendig unter dem Baum. Wölfe kamen und heulten und schrien, so dass sie sich auch im Stehen nicht zu schlafen getraute vor Angst und Schrecken. Aber so wie der Tag sich am Himmel zeigte, war es, als ob alle Wölfe mit einem Male wie weggeblasen waren.

Am anderen Tag wanderte sie weiter und immer weiter, bis die Fuße noch wunder wurden und der Mut noch tiefer sank. Als es gegen Abend ging, kam sie wieder mitten in einen dicken, dunklen Wald. Da kletterte sie wieder auf einen hohen Baum und klammerte sich mit beiden Armen in dessen Zweige, so dass sie nicht sitzen konnte und auch die Knie nicht beugte. Als es dunkler wurde, kam eine unheimliche Menge Bären unter dem Baum zusammen, und sie fingen an zu tanzen und sich im Kreis zu drehen, aber so sehr sie auch ihre Augen anstrengte, ihr Bär war nicht darunter. Die Bären versuchteen sogar, auf den Baum hinaufzuklettern, und das Mädchen kroch in den höchsten Wipfel vor Angst. Doch als der Morgen aufstieg, waren die Bären verschwunden, wie von der Erde verschluckt.

'Am dritten Tag wanderte sie weit und immer weiter und noch ein Stück dazu. Am Abend kam sie wieder in einen dicken, dunklen Wald. Da kletterte sie wieder auf einen hohen Baum, und kaum war sie zwischen den Zweigen, wimmelte es von lauter Löwen unter dem Baum und überall im Wald, und die brüllten und heulten so schauerlich, dass das Echo von Fels und Wald zurückkam. Auch sie fingen an zu tanzen und schrecklich herumzuwirbeln, dass die Erde bebte, und dazwischen kletterten sie an dem Baum empor und versuchten, ihn zu schütteln und mit Stumpf und Stiel auszureißen. Das Mädchen stand in all dem Schrecken ganz allein hoch oben in dem höchsten Wipfel und durfte nicht ihre Knie beugen und auch nicht sitzen. Sie wagte nicht einmal, an Schlaf zu denken, und war doch zum Umsinken müde. Aber in dem Augenblick, wo der Tag sich zeigte, waren die Löwen, wo sie gingen und standen, auf einmal vom Erdboden verschwunden.

Den ganzen Tag wankte sie nun mit wunden Füßen und Angst im Herzen hierhin und dorthin, bis die Füße wunder als wund waren und der Mut tiefer als tief sank. Sie verlor Weg und Steg, und obgleich sie im Norden und Süden, im Osten und Westen suchte, fand sie südlich als Süden und nördlicher als Norden nicht und kam nicht aus dem großen dunklen Wald heraus.

Schließlich wurde sie müde und über alle Maßen traurig und wollte sich jeden Augenblick niedersetzen, um doch ein wenig auszuruhen, aber im letzten Augenblick riss sie sich hoch, um nicht ebensoviele Meilen zurückzukommen, wie sie am Tag vorangekommen war.

Endlich kam sie an einen großen, greulichen Felsen. Hier will ich anklopfen, dachte sie, pochte und klopfte, bis eine Stimme rief: "Wer rumpelt da an meiner Tür?" Es war eine laute barsche Stimme, und als die Tür geöffnet wurde, steckte ein Riesenweib ihre Nase, die gut eine Elle lang war, durch den Spalt.

"Ich bin ein armes Mädchen", antwortete sie, "und suche meinen Gatten. Er ist südlicher als Süden und nördlicher als Norden."

"Pfui", schrie das Riesenweib. "Das ist weit, weit weg. Dahin kann man weder segeln noch rudern, und zu Fuß kommt man erst recht nicht hin. Bist du das Mädchen, das ihn suchen wollte?" "Ja, das bin ich." "Nun, du wirst ihn nie wieder bekommen. Denn jetzt muss er die große Riesin heiraten, und du kannst ebensogut jetzt heimgehen wie später." Aber das Mädchen wollte durchaus nicht umkehren und fragte, ob es nicht möglich wäre, hier über die dunkelste Nacht unterzukommen. "Unterkommen kannst du wohl", gab das Riesenweib zur Antwort, "aber wenn mein Mann heimkommt, reisst er dir den Kopf ab und frisst dich auf." Sie wollte auch das noch auf sich nehmen, denn sie mochte in der finsteren Nacht nicht wieder in den Wald und weiterwandern. Sie zog die Elle Drillich hervor und schenkte dieses der Riesin fürs Nachtlager. "Ach nein, ach nein", rief diese aus. "Nun bin ich schon hundert Jahre verheiratet und habe noch niemals Drillich besessen." Und sie freute sich so sehr, dass sie das Mädchen stärkte und köstlich bewirtete.

Nachdem es gegessen hatte, sagte die Riesin: "Mein Mann ist ein grimmiger Gesell, ein Troll, und es ist besser, dich in der Vorratskammer zu verstecken. Vielleicht findet er dich dann nicht." Sie richtete ein Bett, so weich und sanft wie ein Bett nur sein kann, aber das arme Mädchen traute sich nicht, darauf zu liegen noch zu sitzen, nein, sie konnte nicht einmal ihre Augen schließen, weil sie achtgeben musste, nicht die Beine zu beugen. So stand sie die ganze Nacht und war doch so elend und müde, dass sie fast nicht mehr konnte.

Um Mitternacht fing es an, greulich zu donnern und zu poltern. Das war der Troll, der heimkam. Und kaum hatte er seinen Kopf zur Tür hineingesteckt, so schrie er schon laut und barsch: "Pfui, pfui, ich rieche Menschenfleisch", und er fuhr so wild und wütend herum, dass die Funken stoben. "Ja, ja", sagte die Riesin, "es ist ein Vogel vorbeigeflogen mit dem Knochen eines Menschen, den hat er durch den Schornstein herunterfallen lassen. Ich habe ihn zwar eiligst wieder hinausgeworfen, aber es kann doch sein, dass es noch immer danach riecht." Und er gab sich damit zufrieden.

Aber am nächsten Morgen erzählte ihm die Riesin, das arme Mädchen sei auf der Suche nach dem verzauberten Bären durch den Wald gekommen und es wolle zu ihm, südlicher als Süden und nördlicher als Norden. "Ach pfui, pfui", schrie der Troll gleich, "das ist ja so weit, dass man weder dahin segeln noch rudern kann, und zu Fuß kommt man erst recht nicht hin. Und sie kommt mir auch nicht fort von hier. Wo ist sie?" Und er schnüffelte überall umher. "Du darfst ihr nichts tun", bat die Riesin. "Sie hat mir eine Elle Drillich geschenkt, und deshalb sollst du ihr dein Siebenmeilenwams leihen bis zum nächsten Nachbar", sagte die Riesin und bat für das Mädchen. Und der Troll war auch damit einverständen, als er hörte, wie freundlich sie gegen seine Frau gewesen war.

Als sie nun gegessen hatte und reisefertig war, zog der Troll selber ihr sein Siebenmeilenwams an. "Jetzt musst du nur sagen: >Vorwärts über Weidenbusch und Tannenbaum, über Berg und Tal zum nächsten Nachbar' Und wenn du dort bist, musst du sagen: 'Wo du heute morgen angezogen worden bist, sollst du heute abend aufgehängt werden!<", und dann läuft das Wams von selbst wieder heim." Und so geschah es.

Als das Mädchen beim Nachbarn angekommen war und das Siebenmeilenwams zurückgeschickt hatte,  klopfte es an den Felsen, obgleich alles recht hässlich aussah. "Wer rumpelt da an meiner Tür?" schrie das zweite Riesenweib im Felsen noch lauter und barscher als das erste und steckte die Nase, die gut zwei Ellen lang war, gerade durch den Spalt. "Hier ist das arme Mädchen, das den verzauberten Bären sucht, der südlicher als Süden und nördlicher als Norden wohnt." Da rief die Riesin ebenfalls, das sei so weit, dass man weder dahin segeln noch rudern könne und vom Laufen nicht zu reden. Sie wollte es darum gleich zur Umkehr überreden. "Denn das kannst du niemals vollbringen", sagte sie, "nein, nein, das bringst du niemals fertig." Doch umkehren wollte das Mädchen durchaus nicht, und es fragte, ob es nicht die Nacht dableiben dürfe. Nur über die dunkelste, schrecklichste Nachtzeit. "Ja, unterkommen kannst du wohl", sagte das Riesenweib. "Aber wenn mein Mann heute nacht nach Hause kommt, reisst er dir den Kopf ab und frisst dich auf." Da zog das Mädchen die Elle Zwillich hervor und gab sie der Riesein. "Ach nein, ach nein", schrie diese, "nun bin ich schon zweihundert Jahre verheiratet und habe noch niemals Zwillich besessen", und sie freute sich so sehr, dass sie das Mädchen zum Essen einlud und köstlich bewirtete. Nach einer Weile, als sie sich mit Essen und trinken gestärkt hatte, erzählte die Rieisn: "Mein Mann ist ein grimmiger Geselle. Ich muss dich draußen in der Vorratskammer unterbringen, denn er frisst jede Menschenseele, die hier vorbeikommt, und dort draußen findet er dich vielleicht nicht."

Und wieder wurde für sie ein Bett gerichtet, so weich und sanft, wie nur ein Bett sein kann. Aber sie traute sich weder darauf zu liegen noch zu sitzen, nein, sie konnte nicht einmal die Augen schließen, aus Angst, währenddessen die Beine zu beugen. So stand sie die ganze Nacht vor dem sanften, weichen Bett und war doch so elend und müde,. dass sie fast nicht mehr konnte.

Um Mitternacht fing es an, scheußlich zu donnern und zu poltern. Das war der Troll, der heimkam; Und kaum hatte er seinen Kopf zur Tür hineingesteckt, so schrie er schon laut und barsch: "Pfui, pfui, ich rieche Menschenfleisch!", und er fuhr so wild und wütend herum, dass die Funken stoben.

Und auch diese Riesin sagte, dass ein Vogel geflogen kam, der einen Knochen verlor. Und der Troll gab sich zufrieden; aber am anderen Morgen erzählte ihm die Riesin alles, und der Troll schnüffelte sofort herum und wollte das Mädchen fressen. Da zeigte ihm die Riesin die Elle Zwillich und bat für das Mädchen: "Du musst ihm dein Siebenmeilenwams bis zum nächsten Nachbarn leihen." Dazu war er gleich bereit, als er hörte, wie freundlich sie zu seiner Frau gewesen war. Als das Mädchen am Morgen gegessen hatte, zog der Troll ihr selber sein Siebenmeilenwams an und sagte: "Du musst dich beeilen, denn in zwei Tagen muss er die Riesin mit der vier Ellen langen Nase heiraten.  Wenn du am Ziel bist, musst du nur das Wams ausziehen und sagen: >Wo du heute früh angezogen wurdest, sollst du dich heute nacht wieder aufhängen.< Dann reist das Wams von allein wieder heim."

So fuhr sie über Berg und tiefes Tal immer weiter und weiter. In der Dämmerung kam sie wieder an einen Felsen, der war noch schmutziger und wilder als die vorherigen. "Hier muss ich anklopfen", dachte sie, "so unheimlich es auch aussieht."

"Wer rumpelt an meiner Tür?" schrie drinnen im Felsen das Riesenweib, noch barscher und gröber als die anderen Riesinnen, und sie machte die Tür gerade so weit auf, dass ihre drei Ellen lange Nase durch den Spalt kam. Als sie hörte, was das Mädchen wollte, schrie sie: "Pfui, pfui, das ist ja so weit, dass man weder dahin segeln noch rudern kann, vom Laufen gar nicht zu reden. Das bringst du niemals fertig, nein, du kannst es nie vollbringen, und morgen schon wird er die Riesin mit der vier Ellen langen Nase heiraten und für immer ein Troll werden."

Das Mädchen fragte, ob es nicht wenigstens während der stockdunklen Nacht hier unterkommen könnte. "Unterkommen kannst du wohl, aber wenn mein Mann nach Hause kommt, frisst er dich." Trotzdem wollte sie das auf sich nehmen, wenn sie nur nicht mehr in stockfinsterer Nacht durch den Wald und die Einöde weiterziehen musste. Sie holte die Elle Leinwand hervor und schenkte sie der Riesin. "Ach nein", rief diese aus, "nun bin ich schon dreihundert Jahre verheiratet, und noch niemals habe ich Weißzeug aus Leinen besessen." Sie lies dem Mädchen an nichts fehlen und bewirtete sie und versteckte sie ebenfalls in der Vorratskammer, um sie vor ihrem Mann, dem Troll, zu verbergen. Und wieder war ein Bett da, so sanft und weich, wie ein Bett nur sein kann, und sie durfte es nicht benutzen, aus Angst zu liegen, zu sitzen oder die Knie zu beugen, und konnte kein Auge schließen, obgleich sie müder als müde war..

Um Mitternacht kam wieder der Troll heim und polterte und schrie und verlangte das Menschenfleisch. Aber die Riesin beruhigte ihn. Aber am anderen Morgen, als er gut geschlafen und viel gegessen hatte, erzählte die Riesin dem Troll auch von dem armen Mädchen , das auf der Suche nach ihrem Gatten sei und südlicher als Süden und nördlicher als Norden wandern müsse. "Pfui, pfui", schrie der Troll, "das bringt sie ja niemals fertig, und er wird noch heute die Riesin heiraten und für immer ein Troll werden. Sie bekommt ihn nie im Leben wieder." Die Riesin zeigte ihm das schöne Leinenzeug und bat ihn, ob er ihr nicht dafür sein Siebenmeilenwams borgen wolle. Als der Troll hörte, wie freundlich das Mädchen zu seiner Frau gewesen war, wurde er auch freundlicher und sagte, er wolle es tun. Der Troll selbst zog ihr schließlich das Wams an und sagte: "Sage nur: <Vorwärts, vorwärts, über Weidenbusch und Tannenwipfel, über Berg und Tal zum nächsten Nachbar.> Und wenn due am Ziel bis, so sag: <Häng dich am Abend dort wieder auf, wo du am Morgen abgenommen wurdest.> Dann läuft das Wams alleine heim."

Sie tat, wie er gesagt hatte, und so flog sie wieder weiter, immer weiter über Berg und Tal. In der Dämmerkung kam sie in einen großen, großen Wald, wo alle Bäume kohlschwarz waren. Wenn man sie auch nur ein wenig anrührte, wurde man ebenso schwarz und rußig wie ein Kaminfeger. Aber mitten im Wald war eine Lichtung, und da stand eine elende und baufällige Hütte. Sie hielt nur noch an zwei Balken zusammen und war jämmerlich anzusehen. Und vor der Tür lag ein Kehrrichthaufen mit alten zerrissenen Schuhen, schmutzigen Lumpen und anderem häßlichem Zeug. Sie konnte gerade nur noch ihre eigenen, zerrissenen Schuhe dazu werfen und die Lumpen, die sie am Leib trug, denn jetzt hatte sie weder Drillich noch Zwillich, noch Leinen, um sich neu einzukleiden, und als sie das Siebenmeilenwams ausgezogen und gesagt hatte: "Häng dich da wieder auf, wo du am Morgen abgenommen wurdest", und das Wams davongelaufen war, stand sie  wie die armseligste Bettlerin vor der Tür und klopfte an.

Ein uraltes Trollweib mit einer vier Ellen langen Nase steckte den Kopf zur Tür heraus. "Wenn das Frauenzimmer zur Tür herein will, so soll es herein, will es aber nicht herein, so soll es draußen bleiben", sagte die Riesin und wollte dem Mädchen die Tür vor der Nase zumachen.

"Ich will herein", rief das Mädchen und stapfte über die Schwelle durch Schmutz und Lumpen. Es war auch drinnen schwarz und schmutzig. Die Riesin ging hinaus und holte Milch zum Trinken. "Wenn das Frauenzimmer trinken will, so soll es trinken, will es nicht trinken, so lass es das Frauenzimmer bleiben." Und schon wollte sie die Milch wieder wegnehmen. "Danke, ich will trinken", sagte das Mädchen, denn es war entsetzlich durstig. Aber die Milch war in einem Sautrog, und es schwammen Schmutz und Haar oben auf. Sie bekam auch zu essen, aber der Käse war schimmelig, am Brot hatten die Mäuse gefressen, und das Fleisch war so alt, dass man es von weitem roch. Trotzdem aß sie, was sie essen konnte, und dann stand sie auf und wollte sich bedanken. Da sah sie in einem Bett auf Lumpen einen alten Mann, den sie bisher noch nicht bemerkt hatte. Sein Gesicht war gramverzogen und finster, aber als sie zu ihm trat und auch ihm die Hand reichte, erhellte sich sein Gesicht, und seine Augen begannen zu leuchten. Da ahnte sie, dass  hinter dem alten Mann ihr Gatte verborgen war.

"Hör", sagte er, "nun du gekommen bist, sollst du mein Hemd waschen, denn sie kann die drei Talgflecken niemals auswaschen. Nur Menschenhände können das. Und ich hatte ihr die Bedingung gestellt, dass ich nur die Frau heiraten will, die jene drei Flecken aus dem Hemd wäscht."

Jetzt sah das Mädchen, dass die alte Riesin über einen Waschtrog gebeugt stand und aus Leibeskräften wusch. Sie gab sich große Mühe, aber je länger sie wusch und rieb, desto größer wurden die Flecken. Das Hemd wurde immer häßlicher und schwärzer, und schließlich sah es aus, als hätte es in einem Rauchfang gehangen.

"Das taugt nicht", sagte der Mann. "Lass das Bettelmädchen einmal versuchen, das versteht sich vielleicht besser aufs Waschen."

"Komm her, du Frauenzimmer", sagte das Riesenweib, "willst du waschen, so sollst du waschen, wenn du nicht waschen willst, läßt du es bleiben."

"Doch, ich will waschen", sagte das Mädchen. Aber kaum hatte sie das Hemd ins Wasser getaucht, da wurde es weiß wie frisch gefallener Schnee, ja noch weißer.

"Die will ich haben", sagte der Mann, stand auf und verwandelte sich wieder in den schönsten Jüngling. Das alte Trollweib aber wurde so zornig und wütend, dass es zornig herumfuhr, polterte und tobte, bis es schließlich verschwand und niemals wieder gesehen ward.

Der Jüngling aber hielt plötzlich die silberne Glocke in der Hand, die er dem Mädchen auf dem Schloss übergeben hatte, und kaum hatte er geläutet, waren beide wieder daheim in ihrem Schloss.

Nun war der Jüngling kein Bär mehr und blieb erlöst sein Leben lang. Aber auch die drei anderen Trolle und ihre Riesenweiber waren plötzlich erlöst Die Trolle waren die Brüder des schönen Jünglings und die Riesinnen waren Prinzessinnen aus weit entfernten Ländern.  Alle waren sie von der bösen Stiefmutter verzaubert worden. Nun aber waren alle wieder erlöst. Die Brüder mit ihren Frauen kehrten heim, die Stiefmutter aber war für immer verschwunden. Alle lebten fortan glücklich und zufrieden bis an ihr Ende.