Trillevip

Eines Sonntagsmorgen ging ein Mädchen heimwärts von der Kirche durch einen Wald. Dieser gehörte zu einem großen Herrenhof. Sie ging so in Gedanken vor sich hin und zählte bis zwanzig. Als sie sich aber zufällig umschaute, sah sie den Sohn vom Herrenhof mit der Büchse dicht hinter sich hergehen. Sie erschrak und wurde rot, weil sie glaubte, dass er ihr Selbstgespräch mit angehört hatte. Er fragte sie auch sogleich, was es bedeutete, dass sie so vor sich hin zählte. In ihrer Verlegenheit antwortete sie: "Ich habe mir nur ausgerechnet, wieviel Spindeln Garn ich jeden Abend spinnen kann."

 

Der junge Mann kam heim und erzählte seiner Mutter, dass er im Wald einem Mädchhen begegnet sei und diese habe ihm erzählt, dass sie zwanzig Spindeln Garn an einem Abend spinnen könne. Das sei ein ganz anderes Mädchen, als die Spinnmädchen die für die Mutter arbeiteten.

 

Nun hatte die Frau nichts Eiligeres zu tun, als nach dem Mädchen zu schicken. Sie versprach dem jungen Mädchen alles was sie sich wünschte, wenn es nur in ihre Dienste und als Spinnmädchen für sie arbeiten wolle. Das Mädchen sagte auch gleich zu, denn sie dachte nicht, dass die Frau den jungen Mann, dem sie ihm Wald begegnet war, kannte.

 

Das Mädchen trat also den Dienst an und am Abend brachte ihr die Frau Flachs für zwanzig Spindeln Garn und sagte: "Ich habe gehört, dass du so viele Spindeln Garn spinnen kannst."

 

Das Mädchen spann und spann, soviel sie nur konnte, und es wurde spät, ging auf Mitternacht, und sie war weder halb noch ganz fertig. Das arme Mädchen! Sie spann und weinte und weinte und kam doch gar nicht zu Ende.

 

Um Mitternacht ging auf einmal die Türe auf und herein kam ein kleiner Knirps, das hatte eine rote Mütze auf und sprach: "Warum sitzest du denn hier und weinst? Kann ich dir helfen?"

 

"Ja, das ist so und so", sagte sie", alles das hätte ich heute Abend spinnen sollen und ich bin noch nicht einmal halb fertig. Wenn du mir helfen könntest, so wäre ich dir sehr dankbar." "Damit hat es keine Not", sagte das Knirpschen, "wenn du fürs erste meine Liebste werden willst und später meine Frau."

 

Und in ihrer Not gab das Mädchen dieses Versprechen.

 

Und eins, zwei, drei, war die ganze Arbeit getan und alle zwanzig Spindeln Garn waren gesponnen. Von nun an kam der kleine Knirps mit der roten Mütze jeden Abend und half ihr bei der Arbeit.

 

Die Frau konnte das neue Spinnmädchen so gut leiden, dass sie gar nicht mehr als Magd gehalten wurde. Ja, sie mochte sie so sehr, dass sie wegen ihrer Tüchtigkeit den Sohn zum Manne bekommen sollte.

 

Das war schlimm, denn sie hatte sich ja dem kleinen Knirps mit der roten Mütze versprochen. Aber sie wagte nicht, das zu sagen. So kam es, dass die Hochzeit vorbereitet wurde, und je näher der bestimmte Tag kam, um so trauriger wurde das Mädchen, so dass der kleine Knrips schließlich merkte, dass etwas nicht in Ordnung war.

 

Das Mädchen weinte und erzählte ihm, wie es um sie und den Sohn der Frau stand. Er brummte ein wenig. Dann aber sagte er zu ihr: "Wenn du in drei Tagen meinen Namen erraten kannst, so sollst du frei sein! Du darfst drei Mal raten und hast drei Tage Bedenkzeit!"

 

Sie wollte es probieren, obgleich sie durchaus nicht wusste, wie sie es anstellen sollte. Da trug es sich aber zu, dass der Jäger vom Hof, der jeden Tag nach Wild für die Hochzeit jagen musste, am Abend spät an einem nahen Hügel vorbeikam. Und da sah er ganz unheimlich viele Lichter innen in dem Hügel brennen und das kleine Bergvolk tanzte. Ein Knirpschen mit roter Mütze war ganz besonders übermütig und sprang umher und sang:  

 

"Ich spinn und hasple fleißig,

 

Eine schöne Jungfrau weiß ich,

 

Trillevip heiß ich!"

 

Inzwischen vertraute das Spinnmädchen einer anderen Magd ihr heimliches Verlöbnismit deem kleinen Knirps an, auch ihre Verlegenheit, in der sie nun wegen des kleinen Knirpschens mit der roten Mütze war. Die andere Magd hatte zufällig gehört, wie der Jäger von seinem Erlebnis am Abend vorher erzählt hatte. Und so berichtete sie dem jungen Spinnmädchen die ganze Geschichte.

 

Als nun das Knirpschen mit der roten Mütze kam und sie raten sollte, wollte sie sich nichts gleich anmerken lassen, und riet das erste Mal "Peter" und das andere Mal "Paul". Und der Kleine tanzte und jauchzte vor Vergnügen. Aber als sie zum dritten Male raten sollte, sagte sie: "Trillevip wirst du genannt!" Und da war's vorbei mit des Knirpschens Freierei.

 

Bekommen konnte er sie nun nicht mehr, aber er wollte ihr noch noch einmal helfen, denn er wusste wohl, dass sie es recht nötig haben würde. Der junge Herr hatte sie ja nur gewollt, weil sie so gut spinnen konnte. Er würde in große Wut geraten und sie verstoßen, wenn er hinter den wahren Sachverhalt käme. Deshalb sagte der kleine Bergmann im Weggehen zu ihr. "An deinem Hochzeitstag werden drei alte Weiber in die Stube treten, wenn ihr beim Mahle sitzt. Die erste musst du 'Mutter' nennen, die zweite 'Großmutter' und die dirtte 'Urgroßmutter'. Und wenn sie auch noch so greulich aussehen und dein Mann noch so ungehalten ist, so musst du sie trotzdem bewirten, so gut du nur kannst."

 

Und es kam, wie er gesagt hatte. Sie tat also, wie er ihr geraten, obgleich sie durchaus nicht einsah, zu was das gut sein sollte.

 

Die erste, die kam, war ein gräuliches altes Weib mit zwei großen roten Augen, die ihr weit über die Wangen herunterhingen. Und als sie der junge Bräutigam fragte, wie das denn gekommen sei, dass ihre Augen so rot seien, da antwortete diese: "Das kommt, weil ich nächtelang aufgesessen und gesponnen habe."

 

Als diese gegangen war, kam die zweite, und das war auch ein hässliches altes Weib. Sie hatte einen Mund bis fast zu den Ohren. "Von was kommt es denn, dass Ihr so einen großen Mund habt?" fragte der junge Ehemann. "Weil ich meinen Finger lecken musste, wenn ich spann, denn sonst wäre der Faden nicht glatt geworden. Und ich habe so viele Jahre Tag und Nacht gesponnen, dass es ein Wunder ist, dass mein Mund nicht noch größer wurde."

 

Schließlich kam die aller gräulichste von den dreien: Sie humpelte auf zwei Stöcken daher und konnte weder stehen noch gehen, so schwach waren ihre Beine.

 

"Was fehlt Euch denn, Mütterchen?" fragte der junge Mann, "weil Ihr gar so mühsam daherschleicht?" "Ja, ich bin so schwach geworden vom treten. Ich spinne nun so viele Jahre und ich möchte nicht wünschen, das jemand das eggen muss, was ich gepflügt habe, und auch so elend werden sollte wie ic h."

 

As auch diese ihres Weges gehumpelt war, sagte der junge Herr zu der Spinnerin, die nun seine Frau war: "Du sollst von jetzt an nie mehr spinnen, denn ich möchte um keinen Preis, dass du so aussiehst wie deine Mutter oder deine Großmutter oder deine Urgroßmutter."

 

Nun begriff sie, was das kleine Bergmännchen mit der roten Mütze bezweckt hatte und war froh, dass sie seinen Weisungen gefolgt war.