23. März 

 

gesammelt von Lisa Tetzner

bearbeitet von Vera Alice Glöckner

 

 

Die Zwergmännchen

 

Ein Schweinehirt hatte viele Söhne, von denen trieb der älteste die Schweine jeden Tag in den Wald aus.

Einmal aber schnitzte er sich draußen im Walde eine Pfeife und lehrte seine sechs Ferkel das Tanzen.

Als sie es gelernt hatten und herangewachsen waren, zog er mit ihnen nach der Stadt und ließ sie vor dem Königsschlosse tanzen.

Da schaute die  Frau Königin zum Fenster hinaus und  freute sich über die tanzenden Schweine, ließ auch dem Schweinejungen Zucker und Rosinen reichen und hieß ihren Säckelmeister, mit ihm um eins der Schweine zu handeln.

Allein der Schweinejunge sagte: „Das kriegt die Frau Königin nur, wenn ich sie dafür einmal ein wenig ins Ohrläppchen kneifen darf.“

Das erlaubte ihm die Frau Königin. Da gab er ihr eines seiner Schweine und zog mit den übrigen nach Hause.

Als er aber nach Hause kam und sein Vater sah, dass ein Schwein fehlte, fragte er den Sohn, wo denn das Schwein hingekommen wäre und dann wollte er das Geld dafür sehen.

Der Schweinejunge erzählte dem Vater, wie er die Frau Königin für das Schwein ein wenig ins Ohrläppchen gekniffen hätte, und bekam zur Strafe, weil er kein Geld genommen hatte, von seinem Vater mit der Peitsche Schläge.

Nach einer Weile trieb er mit den übrigen fünf Schweinen wieder vor das Königsschloss und ließ sie nach seiner Pfeife tanzen.

Die Frau Königin schaute wieder zum Fenster heraus, ließ ihm Zucker und Rosinen zu essen geben und schickte ihren Säckelmeister, eins von den fünf Schweinen zu kaufen.

Da sagte er wieder, dass er es nur hergäbe, wenn er die Frau Königin dafür ein wenig ins Ohrläppchen kneifen dürfe.

Die Frau Königin kam lächelnd zu ihm herunter und ließ sich von ihm am Ohr zauseln und. Und dafür  bekam sie eins von den fünf Schweinen.

Als der Schweinejunge nun seinem Vater wieder kein Geld brachte, bekam er noch mehr Peitschenschläge als zuvor.

So ging es  fort, bis das letzte Schwein an die Frau Königin verhandelt war, wofür sein Vater ihn am ganzen Leibe blutig schlug.

Als die Frau Königin nun die sechs Schweine zusammen hatte, spitzte sie das Mäulchen und  pfiff, dass sie danach tanzen sollten; allein vergebens, die sechs Schweine rührten sich nicht.

Darauf bot sie alle  Musikanten des Reiches auf. Die musizierten auch, aber die Schweine erhoben sich nicht und fingen nicht zu tanzen an.

Da gab sie ihren Dienern Befehl, dass sie den Schweinejungen mit der Pfeife herbringen sollten, und sie dachte, ihm die Pfeife nun auch noch abzukaufen.

Die Diener spürten ihn auf und fanden ihn krank von den Schlägen auf dem Lager liegen in seines Vaters Haus.

Doch folgte er ihnen mit seiner Pfeife, bekam auch wieder Zucker und Rosinen, und die sechs Schweine machten zu seiner Musik die allerlustigsten Sprünge.

Als nun diesmal die Frau Königin selber den Handel mit ihm abschließen wollte, bemerkte sie, dass sein Körper blutig war, und fragte ihn nach der Ursache. Und er erzählte, wie sein Vater habe ihn immer mit der Peitsche geschlagen, weil er kein Geld für die Schweine heimgebracht.

Darüber lachte die Frau Königin, wandte sich aber um und sagte:

„Ich könnte es nicht verantworten, wenn der arme Narr noch einmal so von seinem Vater misshandelt würde. Mein Säckelmeister soll ihm mit Gewalt die Taschen voll Geld stecken. Dafür aber sollen ihm meine Diener die Pfeife wegnehmen und ihn dann vom Königshof hinwegführen.“

So geschah es auch, und bald stand der Schweinejunge mit gefüllten Taschen draußen allein im Walde, die Frau Königin aber blies mit vollen Backen auf seiner Pfeife, und die sechs Schweine tanzten lustig danach. Da war großer Jubel und viel Lustbarkeit auf dem Königshofe.

Der Schweinehirt stand traurig im Wald,  zürnte der Königin und wollte mit dem vielen Gelde, das er nicht achtete, zu seinem Vater zurückkehren;

Da kam ein weinendes Zwergmännchen daher, klagte sehr über die schlechten Zeiten, sagte, dass es in großer Not sei, und bat um einen Zehrpfennig.

„Nach Pfennigen greife ich jetzt nicht mehr in die Tasche“, sagte der Schweinejunge und gab ihm einen Dukaten.

Nach einer Weile kam wieder ein weinendes Zwergmännchen daher, klagte auch über die schlechten Zeiten und seine große Not und bat wieder um einen Zehrpfennig.

Da gab er wieder einen Dukaten hin. So kamen noch viele Zwergmännchen zu ihm, weinten und klagten  und jedes erhielt einen seiner  Dukaten.

Der letzte Zwerg aber sagte:

„Die Dukaten, die du uns gabst, sollen Glücksdukaten für dich werden. Wenn du in Not bist, so magst du uns nur rufen.“

Der Schweinejunge hatte nur noch zehn Dukaten, und als er damit weiterging, begegnete ihm der Böse mit einem h übschen Pferde.

Der Junge kannte aber den Bösen noch nicht und fragte, was das Pferd kosten solle.

„Weil du es bist“, sagte der Teufel, „so lasse ich dir’s für zehn Dukaten, es ist aber unter Brüdern hundert wert. Die übrigen neunzig Dukaten will ich dir schenken. Du  kannst dich gleich aufsetzen, unter dem Bedingung, dass du mit mir zuerst nach meinem Schloss reitest.“

Das war der Schweinejunge wohl zufrieden, denn der Teufel erschien ihm wie ein feiner und liebreicher Herr.

Als sie aber in das Schloss des Teufels kamen, sprach dieser: „Jetzt bist du in meiner Gewalt. Wisse, dass ich der Teufel bin, und weil ich dir neunzig Dukaten geschenkt habe und du das angenommen hast, so will ich dir nur dann den Hals umdrehen, wenn du mir nicht drei Aufgaben lösen kannst.

Erstens sollst du mir aus einer  Kuh ein  Pferd machen;

zweitens musst du um mein Schloss eine zehn Fuß hohe und zwei Fuß dicke Mauer ziehen, die Steine dazu sind schon vorhanden.

Die dritte Aufgabe aber ist diese: zwischen meinen Jungfern im Schloss befindet sich die jüngste und klügste Prinzessin des Reiches, die sollst du aus den anderen heraussuchen. Dabei darfst Du Dich aber nicht ein Mal irren, schon mit dem allerersten Griff, musst Du die rechte  Prinzessin herausfinden.“

Als der Teufel dies zu dem jungen Schweinehirten gesagt hatte, ging er mit ihm in den Stall, darin die Kuh stand, und der Teufel schloss ihn mit ihr ein.

Da stand er nun und wusste nicht, was er tun sollte.

Da fielen ihm die Zwerge ein und er rief also:

„Zwergmännchen, ich bin in Not;

Helft mir nun, ich gab euch Geld zu Brot.“

Da erschien ihm sogleich eine Schar Zwerge, die fraßen die Kuh mit Stumpf und Stiel auf, dann zogen sie ein Spielpferdchen aus der Tasche, das war so klein. Wie er es aber in die Hand nehmen wollte,  wurde es  immer größer und größer, bis es zuletzt so groß wie ein gewöhnliches Reitpferd war.

Als der Teufel kam, staunte der, aber es war schon alles fix und fertig, und er fand statt der schlechten Kuh das schönste und  beste Reitpferd.

Nun ging es aber an die Maurerarbeit. Da sagte der junge Schweinehirt wieder sein Sprüchlein,

„Zwergmännchen, ich bin in Not;

Helft mir nun, ich gab euch Geld zu Brot.“

 

 und die Zwerge kamen wieder in großen Scharen herbei.

Sie machten sich unsichtbar und so konnte der Teufel die kleinen Helferlein nicht sehen, und es waren der Zwerge so viele, dass auf jeden Zwerg kaum fünf Steine kamen, die an der ganzen großen Mauer gelegt werden mussten.

Bald stand die Mauer fix und fertig da.  hoch und breit, wie’s der Teufel verlangt hatte.

Nun musste der junge Schweinehirte die dritte und schwerste Aufgabe lösen, die jüngste, schönste und klügste Prinzessin des Reiches von den anderen herausfinden.

Die Prinzessinnen aber sahen alle gleich aus, lagen in einem großen Saale in ihren Betten und waren schwarz wie die Nacht.

Als der Junge sein Sprüchlein gesagte hatte, kam der letzte von den Zwerg­männ­chen allein und gab ihm eine Rute, die sollte er krumm biegen und damit auf die Jungfern zielen. Die Prinzessin, die von der Rute berührt würde, die wäre die rechte.

Gesagt, getan. Der Schweinehirte zielte mit der Rute auf die Prinzessinnen und richtig, die Rute schlug aus und berührte nur eine der Prinzessinnen. Damit hatte er sie erlöst.

Da erschien auf einmal der König der Zwergmännchen und rief:

„Prinzessin! Bring dem Höchsten Dank!

Du bist befreit vom Höllenbrand.“

 

Als der böse Teufel das hörte, sprach er: „Jetzt gehören die Prinzessin und die beiden Pferde dir.“ und verschwand.

Der Schweinejunge aber setzte die schöne Prinzessin auf das Pferd, das er von den Zwergmännchen bekommen hatte. Er selbst ritt auf dem Pferd, das er für zehn Dukaten gekauft hatte.

Dann ritten sie zum Vater der Prinzessin, der war der mächtigste König weit und breit.  Als sie dort ankamen, freuten sich  Vater und Mutter, dass sie nun ihre geliebte Tochter wieder hatten. Es wurde eine große und prächtige Hochzeit gefeiert, die dauerte eine ganze Woche und alle armen und reichen Leute des Reiches kamen und feierten mit ihnen.

Zu der Hochzeit aber war auch die Frau Königin eingeladen, welcher der Schweinejunge immer die Ohren gezaust hatte, und sie tanzte mit dem alten Schweinehirten, der seinen Sohn immer geprügelt hatte, den Ehrentanz.

Die Frau Königin hatte ihre Pfeife und ihre sechs Schweine mitgebracht, und wenn die andern zu müde waren, um zu tanzen, tanzten die Schweine nach der Pfeife der Frau Königin. Die Schweine tanzten noch schöner als alle Hochzeitsgäste.